Blogartikel: FREI UND UNVERBOGEN – Rezension und
Buchverlosung

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Das Sachbuch „FREI UND UNVERBOGEN“ von Susanne Mierau ist im Februar 2021 im BELTZ‐Verlag erschienen: In einem 273 Seiten langen Plädoyer spricht die Autorin sich für eine gewaltfreie Kindheit und eine durch bedingungslose Annahme von Kindern geprägte Haltung aus.   
Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel, denen eine Einleitung vorangestellt ist, in der Susanne Mierau die Intention des Buches erläutert: FREI UND UNVERBOGEN möchte uns dazu einladen, unsere eigenen Verletzungen und Prägungen zu identifizieren, zu verstehen und zu verarbeiten, sodass wir fähig werden, die auf Macht und Anpassung beruhenden übernommenen Muster im Umgang mit Kindern zu erkennen und bewusst einen anderen Weg einzuschlagen. Einen Weg, auf dem wir unsere Kinder respektvoll in ihrer Individualität begleiten statt sie nach unseren Vorstellungen formen zu  
wollen. Dabei versteht sich das Buch nicht als Wochenend‐Lektüre, sondern als einen zur Reflektion anregenden Begleiter über einen längeren Zeitraum.

Zum Inhalt

Im ersten Kapitel erörtert Susanne Mierau die Diskrepanz zwischen dem aktuellen pädagogischen Wissensstand und unserem gesellschaftlichen Handeln. Ein kurzer Überblick zu den verschiedenen Erziehungsstilen verdeutlicht die gelebte Pluralität des gesellschaftlichen Umgangs mit unseren Kindern. Im weiteren Verlauf des Kapitels erfahren wir etwas über die deutsche Geschichte der Erziehung und erhalten sowohl eine sorgfältig recherchierte Chronologie der relevanten juristischen Weichenstellungen zur Stärkung der kindlichen Rechte als auch einen Eindruck vom Einfluss unserer Kulturgeschichte auf unser Bild vom Kind.  
Das zweite Kapitel nimmt die Entwicklung der Erziehungsgeschichte durch verschiedene
Jahrhunderte in den Blick. Hier sei vorab verraten: Dieses Kapitel ist schonungslos. Während die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Erziehungsmethoden auf unseren heutigen Umgang mit Kindern immer mehr Eltern bewusst werden, werden die schaurigen Grausamkeiten der Antike und die aus falsch verstandenen Freiheitsgedanken entstandenen Problematiken der vergangenen fünfzig  
Jahre viele Leser:innen erst einmal schlucken lassen. Die Autorin verbleibt hier jedoch nicht nur in der Vergangenheit, sondern beleuchtet auch die Gegenwart und ihre facettenreichen Ausprägungen von globaler und nationaler Gewalt gegen Kinder: Strukturelle Gewalt in Form von Armut oder des Klimawandels finden dabei genauso Beachtung wie institutionelle Gewalt in Vereinen oder Bildungseinrichtungen.   
Die Möglichkeit, den in eigenen Handlungsmustern enthaltenen Adultismus (Diskriminierung von Kindern durch Erwachsene aufgrund ihres Alters) zu erkennen bietet das dritte Kapitel, das moderne Erziehungsmethoden auf die darin enthaltene Gewalt analysiert. Beispielhaft seien an dieser Stelle Liebensentzug, logische Konsequenzen und Beschämung genannt. Doch mehr: Auch subtilere, indirekte und unbeabsichtigte Formen ‐ wie beispielsweise die elterliche Selbst‐Aufgabe durch falsch verstandene Bedürfnisorientierung – bahnen sich hier den Weg in unser Bewusstsein.   
Im vierten Kapitel schließlich widmet sich die Autorin der Fragestellung, welche Aufgaben sich mit dem Wissen um unsere Fehler im Umgang mit den Kindern ergeben. Direkt zu Beginn entlastet sie uns: Wir alle machen Fehler – und da schließt sich die Autorin als Fachfrau ganz selbstverständlich mit ein. Mit sechs Lernaufgaben ebnet sie uns dann den Weg zu einer friedvollen Elternschaft.  
Das fünfte und letzte Kapitel verdeutlicht, warum es so wichtig ist, Kinder in ihrer Individualität anzunehmen. Auch hier setzt Susanne Mierau auf Verständnis und klärt uns über den Zusammenhang zwischen verschiedenen Genvarianten, Verhalten und Temperament in Bezug auf die Individualität auf und lenkt einen reflexiven Blick auf das leserliche Kind. Die Individualität anzunehmen bedeutet für die Fachfrau und Mutter dabei auch, dem Kind seine eigene Wahrnehmung und eigenen Gefühle zuzugestehen, diese ernst zu nehmen und zu begleiten. 

Warum wir euch das Buch ans Herz legen

Die Autorin stellt verständlich die Auswirkungen von Erziehung und Bindung auf die Entwicklung und das Leben eines Kindes dar und argumentiert schlüssig, welche Gründe für einen Wandel zu einem  beziehungsorientierten Umgang sprechen.   

Dass dieser Perspektivwechsel zum Kind ‐ als handelndes Subjekt auf seinem individuellen Weg zu sich selbst ‐ notwendig ist, werden viele Menschen unterschreiben. Und immer mehr Menschen machen sich auf diesen Weg. Doch wenn wir ehrlich sind, dann stolpern wir dabei regelmäßig. Wir fragen uns vielleicht, warum wir innerlich aufgewühlt sind, wenn wir unser Kind durch einen Wutanfall begleiten, obwohl wir genau wissen, was in seinem Gehirn da gerade vor sich geht. Und was wir tun sollen, wenn wir aus unserer Haltung heraus Strafen ablehnen, aber über das Verhalten  
unseres Kindes verzweifeln. Warum sich das alles manchmal so anstrengend anfühlt, obwohl es in der Theorie so einfach klingt. Und genau hier setzt das Buch an.   

Es zeigt uns auf, welchen Schwierigkeiten wir uns als Erwachsene bei unseren Bemühungen um gewaltfreies Handeln in der Praxis gegenüber sehen, weil Kinder die Schatten unserer eigenen Kindheit beleuchten und weitere Faktoren wie Stress im Alltag auf unser Verhalten einwirken. Und die Autorin macht dabei ganz deutlich: Gewalt meint keineswegs nur körperliche, sondern auch psychische Gewalt, die von uns auch heute noch oftmals nicht als selbige erkannt wird. Gleichzeitig sieht Susanne Mierau auch die belastenden Rahmenbedingungen, die das Leben in der Kleinfamilie und die damit verbundenen Rollenzuschreibungen mit sich bringen. Und liefert folgerichtig eine  
Reflexionseinheit zur Analyse des leserlichen Netzwerkes, sodass wir als Leser:innen erkennen können, wo wir persönlich den Hebel zur Verbesserung unserer Rahmenbedingungen ansetzen können. Das ist unendlich wertvoll, denn so können wir beginnen, an den bei uns möglichen Stellschrauben zu drehen und individuelle Lösungswege zur positiven Veränderung des Familienalltags erarbeiten, in dem die persönlichen Grenzen der Eltern und Kinder gesehen und berücksichtigt werden. 
 
Denn genau diese Wahrung der Grenzen ist es schließlich, die wir uns wünschen, damit alle Familienmitglieder ihre Integrität wahren können. Dabei verspricht Susanne Mierau keine Perfektion auf Patentrezept. Denn auch wenn wir meterweise beziehungsorientierte Literatur gelesen haben oder ein wahres Naturtalent im Umgang mit Kindern, ja, sogar wenn wir entsprechend ausgebildet sind: Wir machen Fehler. Alle. Jeden Tag. Mehrfach. Aber gerade das ist so sympathisch an diesem Buch. Denn besonders inspirierend ist Susanne Mieraus Sicht auf eben diese Fehler:  

„Wir müssen als Eltern also sehen: Wo kann ich etwas anpacken, wo kann ich persönlich beginnen? Und dabei ist es wichtig, dass wir uns selbst gegenüber gütig, wertschätzend und tolerant sind. Denn bevor wir an unseren Handlungen etwas ändern, müssen wir etwas an unserer Sicht auf Elternschaft ändern: Wir brauchen eine neue Fehlertoleranz für Eltern und alle Menschen, die mit Kindern umgehen. Nach all dem, wie Kindheit bisher gestaltet war, wie sie gelebt wurde und wie Kinder bis heute gesehen werden, ist es unmöglich, von Eltern einzufordern, perfekt gewaltfrei und absolut bindungs‐ und bedürfnisorientiert mit Kindern umgehen zu können (vgl. S. 173f).“   

Sie wirbt für mehr Fehlertoleranz und nimmt uns so die Angst vor Fehlern – nicht trotz, sondern eben auch aufgrund unserer Vorbildfunktion und schreibt über die wertvolle Geste einer elterlichen Entschuldigung.   

So nimmt sie uns die Bürde, perfekt handeln zu müssen, ohne uns aber die Verantwortung für einen gesellschaftlichen Wandel abzunehmen. Vielmehr strebt sie durchweg die Reflektion unseres Verhaltens und der dafür ursächlichen Gründe an und gibt uns umfangreiche Hilfestellungen für eine friedvolle Elternschaft.   

Gerade ihre konkreten Beispiele, über die wir reflektieren dürfen, helfen dabei, sich unseren Alltag mit Kind noch einmal bewusst unter dem Aspekt Adultismus und unserem Umgang mit der elterlichen Macht anzuschauen: Was tun, wenn Kindern auch ohne Jacke warm genug ist, sie das Essen ablehnen oder sie über Schmerzen klagen, die wir aus elterlicher Sicht nicht nachvollziehen können?   

Darüber hinaus regt das Buch dazu an, unsere Vorstellungen von Geschlechtsstereotypen, Schönheitsidealen, Hobbys, Bildung und die von uns Erwachsenen für unsere Kinder gesteckten Ziele zu überdenken. Wir dürfen einen konstruktiven Blick auf Konflikte und die Etablierung einer guten Diskussionskultur werfen und uns für mehr Gelassenheit und das Hinterfragen von Glaubenssätzen erwärmen. So liefert FREI UND UNVERBOGEN eine Fülle an Denkanstößen, die mit der am Ende aufgeführten Literatur im Nachgang vertieft werden können.   

Bei allen Anregungen merkt man stets deutlich, dass es sich hierbei nicht nur um theoretische, fachliche Empfehlungen handelt, sondern dass Susanne Mierau eine Haltung vertritt, die sie auch durch ihre Erfahrungen als Mutter entwickelt hat. An keiner Stelle gibt sie pauschale Rezepte, sondern wirbt konsequent dafür, sich selbst zu reflektieren, nach dem Grund hinter kindlichen Verhalten zu forschen und die Verantwortung für die Beziehungsqualität zu übernehmen. 
 
Und dann ist da noch dieses eine zentrale Wort des Buches, das vielen Eltern ein Bauchgrummeln bereitet: Erziehung. „Ist das überhaupt noch Erziehung?“ fragt Susanne Mierau mit Blick auf den propagierten Kurswechsel Richtung Gleichwürdigkeit im Zusammenleben mit Kindern und gibt uns sogleich die Antwort: Es ist eine neue Art der Erziehung und es gibt gute Gründe dafür, warum wir es als Gesellschaft aktuell (noch) gar nicht schaffen können, komplett erziehungsfrei zu leben, sondern uns nur auf den Weg machen können. Ist das ein Widerspruch in sich? Nein, denn ihre gesamte  
Argumentation folgt einer klaren Linie der Gleichwürdigkeit, schließt aber starke Werte und die Sicht auf unser globales Geschehen mit ein. So verschwindet mit der Begriffserklärung und den Erläuterungen auch das anfängliche Bauchgrummeln!   

Der Aufbau des Buches bewirkt beim Lesen durch einen Mix aus umfassender Information, Fallbeispielen aus der Familienbegleitung und häufigen, aber wohlüberlegt eingesetzten Impulsen zur Selbstreflexion ein immer tiefer gehendes Verständnis für das gesellschaftlich verankerte Bild vom unfertigen Kind und öffnet uns die Augen für die dahinterliegenden Ängste, sodass wir befähigt werden, alte Glaubenssätze aufzulösen und unseren eigenen Wertekompass im Umgang mit Kindern zu entwickeln. Besonders gelungen ist der Balanceakt, die Missstände aus der Vergangenheit und die daraus resultierenden heutigen Erziehungsmuster klar und unverblümt zu analysieren, gleichzeitig aber niemals Anklage gegen die Lesenden zu erheben, sondern sie zur besseren Gestaltung der  
Gegenwart und Zukunft zu ermutigen.

Neben dem wertvollen Inhalt ist das Buch auch unter anderen Aspekten rundherum gelungen: Das hellblaue Cover des Spiegel‐Bestsellers mit seinen großen Lettern und dem kleinem Kind, welches zielstrebig mit großen Schritten seinen Weg geht, ist ein Hingucker und eine berührende Metapher. Der Schreibstil ist dabei wohltuend fließend und die Ausführungen der Autorin stets gut nachvollziehbar und in sich schlüssig. Das I‐Tüpfelchen des Buches sind die Sketch‐Notes von Nadine Roßa, die das Buch angenehm divers illustrieren und auflockern. 

Mit FREI UND UNVERBOGEN trifft Susanne Mierau den Nerv unserer Zeit 

Natürlich ist das Buch für jedes Elternteil wertvoll, welches über unbewusst verankerte
Glaubenssätze reflektieren und damit in seiner individuellen Familie eine Veränderung bewirken möchte, die allen Beteiligten zugutekommt. Das gilt für Menschen, die sich gerade erst auf den Weg zur Gleichwürdigkeit machen genauso wie für diejenigen, die schon länger auf diesem Pfad wandeln, und aufgrund gesellschaftlichen Gegenwinds oder Verunsicherungen durch die Anstrengungen des Alltags Bestärkung suchen.  

Aber der Autorin geht es nicht nur um die wichtigen Änderungen im Kleinen. Sie fordert einen tiefgreifenden, globalen Wandel im Umgang mit Kindern, damit die kommenden Generationen die anstehenden Herausforderungen der Zukunft ‐ mit Empathie und Selbstwirksamkeitserwartung gerüstet ‐ kreativ gemeinsam meistern können. Sie zeichnet ein eindrucksvolles Bild von struktureller Gewalt wie Armut, Umweltzerstörung und Klimawandel. Dabei appelliert sie an die Verantwortung der gesamten Menschheit, steht an dieser Stelle aber mit differenziertem Blick für die besondere  
Verantwortung der Privilegierten ein. Auch hier wird wieder deutlich: Dieses Buch ist kein Eltern‐ Ratgeber im eigentlichen Sinne, sondern ein Werte‐Kompass für alle, die der Zukunft unserer Kinder eine Bedeutung beimessen. So geht sie zum Beispiel ebenfalls auf institutionelle Gewalt ein, die für uns als Schule eine besondere Rolle spielt. Auch in diesem Zusammenhang legt Susanne Mierau die Karten ehrlich auf den Tisch und klärt über die hohe Relevanz der Reflektion der in Institutionen  
arbeitenden Menschen über verschiedene Formen der Diskriminierung und kindliche
Entwicklungsvariationen auf. Das finden wir als Schulgründungsinitiative sehr bedeutsam und konnten für uns wichtige Inspiration für unsere Strukturen mitnehmen!  

FREI UND UNVERBOGEN kommt zur richtigen Zeit: Die Menschheit befindet sich an einem Punkt, an dem sie sich wandeln muss, um umsichtig mit den Herausforderungen der kommenden Zeiten umzugehen. Wie will unsere Gesellschaft Kindern begegnen, damit sie frei sind, die Zukunft positiv zu gestalten? Und welchen Umgang möchten wir mit unserem heutigen Wissen um kindliche Entwicklung und Einflüsse der Vergangenheit ganz persönlich als Eltern zu unseren Kindern pflegen?  
Wer Antworten auf diese Fragen sucht, reflektieren und sich weiterentwickeln will, der wird FREI UND UNVERBOGEN nicht nur ein Mal lesen!

Wir verlosen ein handsigniertes Exemplar dieses
wundervollen Buchs!

Jetzt habt ihr Feuer gefangen und würdet am liebsten direkt los lesen? Versucht euer Glück bei unserer Verlosung. Hinterlasst uns einfach einen Kommentar auf Facebook, Instagram oder Twitter, in dem ihr uns erzählt, warum ihr FREI UND UNVERBOGEN gerne lesen möchtet!  

Teilnahmeschluss ist am 27.7.2021 um 23:00 Uhr. Der/ die Gewinner:in wird unter allen Teilnehmenden ausgelost und muss sich nach seiner/ ihrer Benachrichtigung bis zum 3.8.2021 bei uns zurückmelden! Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Viel Glück!

Titel: FREI UND UNVERBOGEN. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen
Autorin: Susanne Mierau
Verlag: BELTZ‐Verlag, Weinheim 2021
Seiten: 273
ISBN: 978‐3‐407‐86656‐1
Preis: 18,95€ 

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